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Wissenswertes über die Geschichte von Sarmenstorf

 

Ein reiches Erbe

Insgesamt hat Sarmenstorf ein ungewöhnlich reiches archäologisches Erbe. Das Register der Kantonsarchäologie verzeichnet insgesamt 27 archäologische Fundstellen. Die zwei bedeutesten Fundstellen sind die Grabhügel im Zigiholz und die römische Ville im Murimooshau (Link zur Kantonsarchäologie). Viele dieser Fundstellen sind schon seit langer Zeit bekannt. Massgeblich dafür verantwortlich ist die Historische Vereinigung Seetal und insbesondere der langjährige Vorsitzende Reinhold Bosch, der später der erste Aargauer Kantonsarchäologe wurde. Er verstand es schon früh, internationale Fachleute für die archäologische Erforschung des Seetals zu gewinnen. In den 1970er und 1980er Jahren führte Karl Baur diese Arbeit fort.

 

Der Pfahlbau im Langenmoos

Das Unter Langenmoos ist ein verlandeter eiszeitlicher See. Im nördlichen Teil liegt eine runde Erhebung, etwa 200 m im Durchmesser und 6 m hoch. Vom Rand dieser ehemaligen Insel stammen Feuerstein-Geräte. Sie zeigen, dass hier im 4. Jahrtausend v. Chr. eine steinzeitliche Siedlung lag, vermutlich noch am offenen Wasser. Es war eine Ufersiedlung, wie sie auch vom Hallwilersee bekannt sind – leider aber ohne Holzerhaltung. Dieser Pfahlbau ist die älteste menschliche Ansiedlung auf dem Gemeindegebiet von Sarmenstorf.

Pfahlbau Langmoos
Unterer Langenmoos mit Inselerhebung © Kanton Aargau

 

Grabhügel

Die bekannten Grabhügel im Zigiholz werden in einem separaten Kapitel abgehandelt (Link). Weniger weiss man dagegen über die drei grossen Hügel im Balzimoos, nahe der Grenze zu Niesenberg. Hier wurde schon in den 1920er Jahren erfolglos nach Gräbern gesucht. Dennoch ist sicher, dass es sich um Grabhügel handelt. Vermutlich stammen sie aus der Eisenzeit. Eisenzeitliche Grabhügel haben oft Durchmesser von 24-28 Metern und sie liegen oft an flachen Hängen. Das ist auch im Balzimoos der Fall. Dagegen sind bronzezeitliche Hügel deutlich kleiner und liegen oft auf Anhöhen – beides trifft auf das Zigiholz zu, wo ja auch bronzezeitlicher Schmuck zum Vorschein kam.

Ausgrabung Zigiholz Mondsichel 1926.png
Grabhügelgruppe Zigiholz 1926  © Kanton Aargau

 

Skelette

Im Ort selber gibt es verschiedene Berichte über Skelette, die man beim Bauen entdeckte. Da aber nie Archäologen dabei waren, ist nicht klar, aus welchen Epochen diese Bestattungen stammen. Dagegen ist die Situation im Bereich Bahnhofstrasse/Seengerstrasse klarer. Hier wurden Funde aus der Bronze- und Eisenzeit und aus der Römerzeit entdeckt. Die Zone westlich des alten Ortskerns scheint vor dem Mittelalter ein bevorzugter Siedlungsplatz gewesen zu sein. Wesentlich prominenter ist natürlich die römische Villa im Murimooshau. Auch sie wird auf der Gemeinde-Webseite separat beschrieben (Link).

 

Kirchen und Burg

Die jüngsten archäologischen Denkmäler in Sarmenstorf stammen aus dem Mittelalter. Neben der Pfarrkirche und der Wendelins-Kapelle mit ihren älteren Vorgängerbauten ist das vor allem die mittelalterliche Burganlage auf dem Heidenhügel bzw. Schlosshügel. Hier wurde wohl im 11. oder 12. Jahrhundert eine kleine Burg errichtet, aber im Gegensatz zu Hilfikon oder Brestenberg schon bald wieder aufgegeben. Die wenigen Steinbauten zerfielen rasch und übrig blieben Wall und Graben, die der Anlage heute ein altertümliches Aussehen geben. Dennoch handelt es sich nicht um eine vorgeschichtliche Wallanlage sondern um eine kleine mittelalterliche Burg.

 

Grabhügel Zigiholz

In den 21 Hügeln im "Zigiholz" oberhalb Sarmenstorf wurde bereits 1895 und 1912 gegraben, doch erst 1925 bis 1928 fanden reguläre archäologische Ausgrabungen in sechs Hügeln statt. Wie schon früher entdeckte man auch jetzt kaum Funde. Dafür waren die ausgegrabenen Steinstrukturen umso interessanter.

Ausgrabung Zigiholz Grabungsarbeiter 1926.png
Ausgrabung Zigiholz Grabungsarbeiter 1926  © Kanton Aargau


Die Forscher erkannten neben anderen Formen eine "Mondsichel", ein "Totenhaus" und eine Feuerstelle. Diese drei Strukturen wurden nach der Ausgrabung 1927 mit Mörtel konserviert und danach mehrfach in Stand gesetzt. Besonders eindrücklich war das "Totenhaus", das zuletzt 1970 aus Eichenbalken rekonstruiert wurde.

 

Neue Deutungen und ein Kindergrab

Diese Deutung der ausgegrabenen Strukturen entsprach Vorstellungen der 1920er Jahre und wird heute so nicht mehr vertreten. Gleiches gilt für die zeitliche Einordnung der Hügel. Die beiden jungsteinzeitlichen Scherben, 1925 auf dem Aushub entdeckt, sind typisch für die sogenannte Schnurkeramik (etwa 2800-2400 v. Chr.). Sie gehörten aber wohl nicht zu einem Grab. Wahrscheinlich sind es ältere Siedlungsabfälle, die mit der Erde für die Hügelschüttung hierher gebracht wurden.

Bei den Ausgrabungen 1927 wurde ein Kindergrab mit mittelbronzezeitlichem Bronzeschmuck entdeckt und bereits 1912 soll Bronze gefunden worden sein. Zusammen mit den für die Bronzezeit typischen Steinstrukturen deutet also alles darauf hin, dass im "Zigiholz" mittelbronzezeitliche Hügel liegen (etwa 1500-1300 v. Chr.), die damals in der Nähe einer längst verlassenen jungsteinzeitlichen Siedlung aufgeschüttet worden waren. Dass kaum bronzezeitliche Funde entdeckt wurden, ist typisch für diese Epoche. Anscheinend wurde bei den meisten Gräbern damals schon kurz nach der Grablege alles Wertvolle wieder entnommen – ob von "bedürftigen" Nachfahren oder von gierigen Nachbarn wissen wir leider nicht.


Römische Villa / Römischer Gutshof Murimooshau

Eine Villa ist in der Römerzeit ein Gutshof, ein sehr grosser landwirtschaftlicher Betrieb mit einem Hauptgebäude, in dem der Besitzer wohnt, mit verschiedenen landwirtschaftlichen Gebäuden und mit den Wohnhäusern von Arbeitern und Sklaven. Der Flurname „Murimooshau“ weist darauf hin, dass hier schon immer Mauerzüge eines solchen römischen Gutshofes sichtbar gewesen waren. Bereits 1830 wurde eine erste Ausgrabung geplant, jedoch nicht ausgeführt. In den 1850er Jahren legten die Pfarrer von Fahrwangen und Birrwil Mauern von mehreren römischen Gebäuden frei. Es folgten kleinere Ausgrabungen in den Jahren 1895 und 1917/18.

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Murimooshau Plan 1927  © Kanton Aargau

 

Seit 1925 wurde das Hauptgebäude des Gutshofes als „Steinbruch“ für den Bau von Waldwegen benutzt, was die Historische Vereinigung Seetal 1927 veranlasste, es freizulegen. Bis auf den, vom Schutzbau überdeckten Badetrakt wurden die Mauern nach der Ausgrabung wieder zugeschüttet. Heute steht das gesamte Areal unter Denkmalschutz.

 

Das Hauptgebäude

Das 58 x 21 m grosse Hauptgebäude des Gutshofes war nach Westen orientiert, mit Rundsicht auf den Jura, das Mittelland und die Alpen. Entlang seiner Frontseite, dem Wohntrakt vorgelagert, befand sich eine 3.7 m breite Säulenhalle, die porticus. Der Wohntrakt wurde auf beiden Seiten von einem vorspringenden Seitenflügel (Eckrisalit) flankiert. Der Nordrisalit verfügte über einen kellerähnlichen Raum, der im Sommer zu angenehmer Kühlung verhalf. Der Südflügel beherbergte die Baderäume. Dekorativ bemalter Wandverputz in mehreren Räumen und Reste von Marmorplatten als Bodenbelag zeugen von einer einstmals reichen Ausstattung.

Über die Ausdehnung des Gutshofes kann keine zuverlässige Aussage gemacht werden, da über die im 19. Jh. freigelegten Nebengebäude nur sehr wenig bekannt ist. Das Fundmaterial datiert den Gutshof von Sarmenstorf ins 1. und 2. Jh. n. Chr.

 

Das Bad

Das Bad spielte eine wichtige Rolle im Leben der Menschen in römischer Zeit. Wie nahezu alle Gutshöfe besass deshalb auch der Gutshof von Sarmenstorf Baderäume. Diese verfügten über eine Hypokaust-Bodenheizung und in die Wände eingelassene Hohlziegel, durch welche heisse Luft zirkulierte. Von zwei Heizräumen (praefurnium) aus wurden sie geheizt.

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Postkarte Ausgrabung römische Villa ohne Datum  © Kanton Aargau


Über einen vermutlich vor allem im Winter genutzten Wohnraum mit Bodenheizung (Hypokaust) betraten die Badenden zuerst den Auskleideraum, das apodyterium. Von dort ging man ins Kaltbad, das frigidarium , wo man sich einer ersten Reinigung unterzog. Danach begaben sich die Badenden zum Ausruhen in einen auf 20 bis 30º C erwärmten Raum, das tepidarium, bevor im auf 50º C geheizten Heissbaderaum, dem caldarium, ausgiebig geschwitzt wurde. Nach dem Schwitzbad kehrte man in umgekehrter Reihenfolge zum Kaltwasserbad zurück.

 

Angelsachsen-Legende und Dorfname

In der Pfarrkirche Sarmenstorf erinnert ein von zwei Figuren flankiertes Epitaph an die beiden Angelsachsen, deren Sarg bis 1856 an dieser Stelle gestanden hatte.

Epitaph in der Pfarrkirche
Epitaph in der Pfarrkirche  © Kanton Aargau


Die Angelsachsen, wie sie im Volksmund und auch schon in frühesten Urkunden genannt werden, sollen drei Pilger gewesen sein: Ritter Kaspar von Brunnaschwyl, Graf Erhard von Sax, Herzog in Mixen und deren Knecht, die von einer Wallfahrt nach Einsiedeln kommend in Boswil zu einer Hochzeit geladen wurden. Weil sie der Braut einen «Guldin Pfennig» schenkten, hielten sie einige Wegelagerer für sehr begütert, lauerten ihnen bei Büelisacker auf und ermordeten sie. Nach der Legende sollen sie ihre abgeschlagenen Häupter aufgenommen haben und weitergewandert sein. Der Knecht nach Boswil, die beiden adeligen Pilger nach Sarmenstorf. Am folgenden Tag fand man sie vor der Kirche liegen und bestattete sie. Nach der Überlieferung «wollten sye da nit bliben und am andern Tag fand mans wieder vor der Kilchen. Da vergrub mans in der Kilchen, da sye noch heuth bey Tag ruhwen und rastendt in Gottes Namen». Die Legende weiss auch zu berichten, dass die beiden Pilger auf ihrem Gang nach Sarmenstorf - von einem Gewitter überrascht - bei dem in die St. Wendelinskapelle einbezogenen erratischen Block Schutz suchten. Der Stein soll über die beiden hinweg gewachsen sein und sie auf diese Weise vor dem Unwetter geschützt haben. Schon in Urkunden des 16. Jahrhunderts wird jener Findling daher als «Engelsechser stein» bezeichnet. Die sel. Angelsachsen wurden während Jahrhunderten hoch verehrt und die beiden gekreuzten Pilgerstäbe im Gemeindewappen von Sarmenstorf erinnern noch heute an sie. Ihre Gebeine wurden 1988 nach einem wechselvollen Geschick im neuen Opferaltar der Kirche beigesetzt.

Pfarreikirche um 1933
Pfarrkirche um 1966  © Kanton Aargau


Während die Herkunft des Gemeindewappens offenkundig ist, sind wir beim Ursprung des Dorfnamens auf Vermutungen angewiesen. Die frühere Deutung aus dem Keltischen (Sarmenios-durum = Bergbach-Dorf) trifft kaum zu. Viel wahrscheinlicher ist, dass ein Alemanne namens Saramar der im 7./8. Jahrhundert entstehenden Dorfanlage, (die in frühesten Schriften immer als Sarmarsdorf oder Sarmansdorf erscheint), den Namen gab.

 

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